CN Trauma, Symptome
Ich habe als Kind gelernt das ich bis aufs äusserste dafür kämpfen muss, das meine Verletzungen anerkannt werden. Das ich mich „nur wieder einkriegen“ muss und „nicht so nachtragend“ sein soll, und bitte „nicht so egoistisch“ sein habe ich unzählige Male gehört. Kein Wunder, das sich Therapie und insbesondere Skills um Dissoziation zu durchbrechen für mich immer bedrohlich angefühlt haben – nach weiteren Werkzeugen die ich lernen soll um mich als guter Mensch zum Comfort der anderen zu unterdrücken. Ich habe heute endlich wirklich begreifen können, das mein Bedrohungsgefühl zu Dingen die mir helfen könnten Teil meines Traumas ist und mein Gefühl mich davor schützen zu müssen gute Gründe hat, aber als Coping nicht funktional sind wenn ich die Bereitschaft habe, für mich da zu sein und die Vernachlässigung meiner Eltern und Bezugspersonen nicht wiederhole sobald der Leidensdruck sinkt. Vor allem aber die Erkenntnis, das ich in dem getriggerten Zustand gar nicht für mich selber da sein kann.
Heute habe ich das erste Mal erfolgreich alleine über Körperarbeit einen wirklich schlimmen Zustand durchbrochen. Einen, den auch keine Notfallmedikamente mehr besser machen. Es ist ein Aha-Effekt, das erste Mal lernt mein Trauma das wir niemanden von aussen brauchen der unser Leid anerkennt. Ich nehme bewusst wahr, das ich in dem Zustand nicht magisch das schlimme was mir wiederfahren ist aufarbeiten hätte können. Und die Hilflosigkeit und Verzweiflung ist jetzt erstmal so viel kleiner. Aber es hat 15 Jahre gebraucht. 15. 15 Jahre darum kämpfen, das ich überhaupt fühlen kann, und dann überwältigt sein wenn ich es tue. 15 Jahre gegen das silencing und victim blaming meiner Familie und der Gesellschaft ankämpfen, obwohl ich immer wieder auch so viel Validierung erfahren habe. 15 Jahre bis es sich wenig genug bedrohlich anfühlt das ich es wagen kann etwas zu tun, damit mein Leidensdruck sinkt, ohne Angst zu haben das es meine Motivation, die Gründe dafür zu bekämpfen mindert. Ohne das Gefühl ich helfe dabei meinen Täter*innen bei der Arbeit mich selbst zu gaslighten, abzustumpfen und das erlebte zu normalisieren.
Etwas was diesem Schritt zugrunde liegt ist die Desilusionierung die ich grad erfahre. Im letzten Jahr hab ich so viel Täterschutz erlebt, wenn es um mich ging, um andere Betroffene, um Prävention wenn die red flags aus allen Ecken leuchten. Der Traum ist zerbrochen, es gibt keine Alternativgesellschaft in der alles besser ist, es sind wir, die Betroffenen, die zusammen halten müssen und hoffentlich werden. Wir haben wenige Verbündete. Und immer wieder werden wir glauben, Verbündete gefunden zu haben, nur um wieder eine Dose Würmer aufzumachen und es erst bei der dritten Gabel merken. Das sind die Momente die mich gefühlt am meisten gefährden: wenn ich in die Meinung von Menschen noch Vertrauen habe, zu ihnen aufschaue. Ein ernüchterndes No one’s gonna save me.
Jetzt sitze ich hier und habe ein Gefühl von Sicherheit in mir. Vertrauen in meine Resilienz. Aushalten ist nie richtig, aber ich werde auch nicht alles verändern können und vor allem nicht andere wenn sie es nicht wollen, selbst wenn sie sich selber ein Bein stellen mit ihrer Haltung und ihren Überzeugungen. Ich muss nicht streiten darum das andere sehen was sie reproduzieren. Ich kann und darf einfach versuchen, meinen Frieden zu schützen. Ich muss keinen Ort retten. Vielleicht ist meine Art des Aktivismus eben doch eine stille, leise, die über die Jahre wachsen darf. Ich hab meine Erwerbsminderungsrente nicht umsonst; und auch unabhängig davon ist es okay wenn ich nur die Kapazität habe, mich zu retten. Aber wer einen Rat zum Floss bauen sucht wird bei mir nie an der falschen Adresse sein.